Bei Infektionen werden alle Verbandwechsel während HD gemacht.
Bei so einer Aussage sträuben sich mir als Hygieneschwester und Fachkraft für Wundversorgung ja die Haare ! Man kann doch solche Verbandwechsel nicht im Dialyszimmer machen ! Selbst wenn man sich noch so oft die Hände desinfiziert, die Gefahr der Keimverschleppung ist auch dann gegeben. Die Übertragungswege sind so vielfältig, da kann man gar nicht vorsichtig genug sein.
Bei uns gilt: Es wird KEIN Verband im Dialysezimmer gewechselt, sondern vor oder nach HD bei uns im Verbandraum.
"Man (oder Frau) kann eben doch!" Bei uns kommt die Fachkraft für Wundversorgung aus 20 km Entfernung angefahren und übernimmt bei komplizierten Patienten die Wundversorgung während HD! Es ist völlig unrealistisch, bei den Patienten, die heute in Zentren betreut werden, die VW vor oder nach HD durchzuführen. Wenn in einer Schicht 30 Pat. betreut werden, von denen ca. 15 routinemässig VW benötigen, dann reichen schon logistisch die Zimmer gar nicht aus, abgesehen von dem Zeitaufwand.
Im übrigen möchte ich nochmals darauf verweisen, dass jede Fussvisite das Risiko in sich birgt, eine Infektion zu entdecken. Oft sind schon innerhalb von wenigen Tagen tiefgehende infizierte Nekrosen entstanden, die die Pat. angesichts ihrer Neuropathie gar nicht verspüren.
Wenn ein VW in 2-tägigen Abständen medizinisch möglich und sinnvoll ist, sollte er außerhalb der Dialyseräume erfolgen, qualifiziertes Personal vorausgesetzt, zweckmässigerweise als Hausbesuch.
Doch dies ist vielfach Wunschvorstellung. Wenn wir die Extremitäten unserer Pat. retten wollen, dann sollten wir dies auch
während HD tun. Welcher Anbieter ist in der Lage, vor und nach HD Personal für die erforderlichen 2 Std. abzustellen, und das in der Regel auch noch ohne zusätzliche Vergütung.
Im Hinblick auf die Infektionsübertragung kann ich das nur ganz praktisch betrachten. Sollte sich ein Keim (z. B. Enterokokkus) in einem Zimmer statt bei dem einen Patienten bei weiteren 3 finden, dann läuft tatsächlich was schief.
Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass 1/3 unserer Pat. mit Permanentkatheter versorgt ist, dann muss man nach allgemeiner Auffassung von einem extrem hohen Risiko ausgehen. Unsere Infektionsrate bzgl. katheter-assoziierter Sepsis liegt aktuell bei 1 Fall auf 76 Patientenjahre. Einige Pat. haben ihren Katheter ohne Wechsel bereits seit über 7 Jahren ohne systemische Infektion. Gelegentlich treten Exitinfektionen auf. Sollten wir deswegen die Exitpflege auch ausserhalb der HD-Räume machen, obwohl dort häufiger Problem-Keime anzutreffen sind?
Definitiv sind innerhalb der letzten 15 J. bei uns keine Cross-over-Infektionen aufgetreten.
Wissen ist Macht! Solange ich nicht weiss, was der Pat. für ein Risiko (unbemerkt!!) mit sich trägt, ist das Risiko der Keimverschleppung wesentlich höher. Dazu bedarf es aber einer regelmässigen Kontrolle und auch Öffnung des Verbandes.
Für mich ranken sich viele Mythen um die Keimübertragung, insbesondere auf Intensivstationen. Damals waren noch Plastiküberschuhe der Standard für Besucher und Ärzte. Im Zweifelsfall hat man den verbliebenen Hundekot der Schuhsohle beim Überstreifen der Schutzhüllen gar noch auf die eigenen Hände bekommen, von Händedesinfektion war damals nur wenig zu hören. Jeder joviale Chefarzt (s. Schwarzwaldklinik) hat sich schmusenderweise ins Patientenbett gekuschelt, der Handschlag, bei Privatpatientinnen auch noch der Handkuss, waren nicht unüblich.
Heute herrscht das andere Extrem, beim Dialysekatheter möglichst Mundschutz für Patient und Personal, wenn's geht auch noch Haube, steriler Kittel und zusätzliche Pflegekraft.
Kurzum, es existieren diverse nicht evidenz-basierte Modelle der Infektionsverhütung in Dialysestationen. Dies hängt im wesentlichen jedoch an der Schulung der Mitarbeiter, und da sind nun mal die Hände das wesentliche Element.
Gibt es eine einzige Dialyse in Deutschland oder Österreich, in der definitiv
keine Mitarbeiter(in) Schmuck (Ringe) während der Dialysebehandlung an den Händen trägt??? Sollte Nagellack auf den Fingernägeln nachweisbar sein, dann wurden die Hände nicht adäquat desinfiziert!!! Jedes nach DGHM zugelassene Desinfektionsmittel entfernt konsequent Nagellack!
Kurzum, nichts gegen notwendige Isolierung von Pat., aber wir sollten unter Berücksichtigung des eigenen Verhaltens und der internen Qualitätskontrolle die "Kirche im Dorf sein lassen".
In dem Sinne
happy desinfecting
Juliano