Braucht der Mensch Anerkennung?

Elisabeth Dinse

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Beruf
Krankenschwester, Fachkrankenschwester A/I, Praxisbegleiter Basale Stimulation
Akt. Einsatzbereich
Intensivüberwachung
Mir fällt immer mal wieder auf, dass die Arbeitsbelastungen von Kollegen oft unterschiedlich bewertet werden. Woran liegt das?

These: Es kommt auf das sichere Gefühl an, etwas sinnvolles zu tun, dass allgemein akzeptiert ist.

A - Es ist sicher, dass alle eine Richtung beim Arbeiten haben und man sich sicher ist, dass alle in die gleiche Richtung denken. Richtungsentscheidungen werden erklärt und gemeinsam mitgetragen.
Man kann selbständig Entscheidungen treffen, weil man den Rahmen kennt. Man erfährt Unterstützung in seiner Selbstständigkeit. Sie wird gefördert. Als Einzelperson erfährt man den Rückhalt des gesamten therapeutischen Teams.
Fehlermanagement: der Fehler wird bearbeitet- nicht der Verursacher.
Die Aufmerksamket erfährt der MA als Wertschätzung und nicht nur bei Vergehen gegen den "Stationskodex". Die Gruppe ruht in sich.

B- Man weiß nie, was gerade en vogue ist. Es kann sein, dass Richtungsweisungen ebend gegeben im nächsten Moment schon wieder zurückgenommen werden ohne den MA zu informieren über Grund.
Für MA ist es gefährlich eigenständige Entscheidungen zu treffen, da es kein Sicherheit gibt ob die Entscheidung noch abgedeckt ist. Ein therapeutisches Team existiert nicht.
Jeder belauert jeden- bloß keine Fehler machen. Fehler bedeuten: man wird "an die Wand genagelt" und erlebt eine Art Rufmord.
Die einzigste echte Aufmerksamkeit, die der MA erfährt, erfolgt im Rahmen des Fehlermanagements. Sonstige Beachtungen wirken eher aufgesetzt und wie ein Abarbeiten eines Punkteplans.
Die Gruppe zerfällt in viele Grüppchen, die sich z.T. noch gegenseitig behindern auf dem Run nach Anerkennung und Wertschätzung.

Wie erlebt ihr das? Warum sind manche Kollegen eher belastet als andere? Wieviel spielt da die Umgebung eine Rolle?

Elisabeth
 
Tja,dass iss ne gute Frage...im ersten Moment hätte ich fast herausposaumt "klar,sind manche belastbarer als andere",aber ist das wirklich so??? Sicher ist,dass jeder in ein und der gleichen Situation etwas anderes "nach aussen "trägt und so könnte man schnell meinen,der eine sei belastbarer als der andere....reagiert ein Kollege ruhig und besonnen in einer Notfallsituation,gilt er als belastbar.Reagiert der nächste hektisch und nervös,gilt er als nicht wirklich belastbar....ich denke Belastbarkeit ist etwas persönliches,inneres und kann nur sehr schwer von Aussenstehenden beurteilt werden.Ich kann vielleicht sehen,wenn ein Kollege stets den Tränen nahe ist u.ä.,dass er/sie mit der Situation evt.überfordert ist....aber die Belastbarkeit eines jeden zu beurteilen,ich weiss nicht,ob man das wirklich kann?Was nützt es,ein Kollege arbeitet immer viel weg,hat stets den Überblick,bleibt ruhig und besonnen...geht dann nach Hause und weiss plötzlich nicht mehr,wo ihm der Kopf steht und ist völlis ausgepowert...nach Aussen mag er belastbar sein...aber ist er es immerlich wirklich.
Ich frage mich immer,wie Belastbarkeit gemessen wird.Ist es das,was Kollegen wahrnehmen oder ist es eher das,was jeder einzelne persönlich von sich selber sagen kann???Vor allen Dingen,WIE belastbar müssen Pflegende sein? Wo ist der Punkt,an dem es gefährlich wird für den eintelnen(Überforderung,nicht Abschalten können usw)??
Ist ein schwieriges Thema,aber interessant
Ich persönlich erlebe Belastbarkeit auch tagesform-abhängig und vor allen Dingen Team-Stimmungabhängig.In einem Team.wo nicht gesehen wird,was Du machst,sondern nur gesehen wird,was Du NICHT oder nicht gut gemacht hast,ist meine persönliche Belastbarkeit eher eingeschränkt...Daher finde ich,dass positive Bestärkung und Motivation die Belastbarkeit des einzelnen nur günstig beeinflussen kann...

Allen einen schönen Abend


Allen einen schönen Abend noch
 
Zuletzt bearbeitet:
Ich kann nicht immer alles auf das Team oder die "doofen" Vorgesetzten schieben.
Vieles reguliert sich durch ein stabiles soziales Umfeld zuhause.
Aber am besten hilft doch der selbstreflektierte Umgang mit sich selbst. - Weiß ich, was mir hilft, mich gut zu fühlen, kann ich meine Wünsche und Emotionen ausdrücken?
Bin ich überhaupt sicher genug, "ich" zu sagen im Gespräch mit anderen?

Natürlich; Leute, die sehr spontan sind in ihren gefühlsmäßigen Reaktionen und vieles spontan verweigern, weil sie sich es nicht zutrauen, sind oft im Alltag dann doch stabiler. Wer von sich selbst nicht so viel erwartet, macht sich manchmal auch weniger Druck (und anderen).

Wer bestimmte Vorstellungen und Ehrgeiz im Beruf hat, sehnt sich letzlich auch nach Anerkennung vom Umfeld, von außen. Das ist menschlich.

Ich finde generell, ich bekomme zu wenig! (Obwohl ich eine gute Position im Team habe, möchte ich meinen). Dass ich das aber so frei raus sagen kann, hat 'ne Weile gedauert und tut schon mal gut.
 
mutters-kind schrieb:
Ich frage mich immer,wie Belastbarkeit gemessen wird.Ist es das,was Kollegen wahrnehmen oder ist es eher das,was jeder einzelne persönlich von sich selber sagen kann???Vor allen Dingen,WIE belastbar müssen Pflegende sein? Wo ist der Punkt,an dem es gefährlich wird für den eintelnen(Überforderung,nicht Abschalten können usw)??
Das war wirklich verdammt gut ausgedrückt!! Ich bin erst seit einem Jahr examiniert und beobachte noch, sowohl Kollegen als auch mich selbst.
Ich suche ja immer noch meinen Weg, mit den Belastungen des Arbeitsalltages umzugehen, und schau dabei natürlich, wie die Kollegen das so machen. Dabei ist mir auch aufgefallen, dass manche sich scheinbar viel schneller überfordert fühlen als andere, die die gleiche Situation völlig gelassen nehmen (soweit man das eben beurteilen kann).

Ich denke, dass die, die am wenigsten Anerkennung von außen brauchen, am ehesten mit Belastungen umgehen können, weil sie irgendwie "in sich ruhen" (keine Ahnung, wie ich das besser ausdrücken kann). Es gibt sicher einige Leute, die unbewusst diese Berufswahl getroffen haben, um für ihre Hilfe und / oder Arbeit Anerkennung zu bekommen. Da es diese aber im Berufsalltag kaum gibt, fehlt quasi das positive Feedback. Diese Leute sind dann schneller "belastet", weil sie das Gefühl haben, "nur" zu geben, und nichts dafür zu "bekommen".

Au weia, da hab ich ja was gesagt... *duck*
 
@Feli: nee,da brauchste Dich nicht zu ducken,da ist was wahres dran...

Ich denke,jeder braucht die Anererkennung von aussen..bekommt man sie nicht,wird man ja auch irgendwann mal gleichgültig und ist eben auch nicht mehr belastbar.Ich finde,es sollte immer noch machbar sein,ein nettes Wort auf den Lippen zu haben,oder vielleicht auch mal einen Scherz...denn wenn man lacht,dann sieht alles meist etwas gelassener aus...was jetzt nicht heissen soll,dass man als Stationskaspar durch die Wlet laufen soll.Nur sorgt ein entspanntes Arbeitsklima und eine positive Grundstimmnug eben auch für eine höhere Belastbarkeit des einzelnen.Konzentriere ich mich nur noch darauf,keine Fehler zu machen,habe ich den Kopf gar nicht frei für das Wesentliche und schwups gelte ich als nicht belastbar...dass ich vielleicht sehr schwer belastet bin mit "mach`jetzt bloss nix Falsches",dass sieht in dem Moment keiner...
Ohne Anerkennung geht es nur begrenzte Zeit gut,daß kann ich aus eigener Erfahrung sagen....Ich gelte bei meinen Kollege als sehr belastbar,behalte den Überblick,versuche mich,um neue Kollegen zu kümmern,habe meist einen Spruch parat usw....mit meiner ganz eigenen Belastbarkeit bin ich allerdings mittlerweile am Ende(Was man mir offenbar nicht anmerkt,oder nur die,die sich die Mühe machen,auch mal hinter die Kulisse zu sehen).Meine Vorgesetzten verstehen das nicht,leider und so habe ich mich entschieden,dass Haus zu wechseln....weil es besser für mich ist und meine eigene Zufriendheit...denn bin ich zufrieden,bin ich auch belastbarer....ist irgendwie ein Teufelskreis,der sehr deutlich zeigt,dass Belastbarkeit mit Zufriedenheit zusammenhängt.Sicher nicht nur,da spielen auch noch andere Faktoren eine Rolle(Z.B. Fachkompetenz,Erfahrung.soziales Umfeld,die Persönlichkeit usw)


allen einen schönen Abend
 
Unser Team kann am besten mit dem Zitat A verglichen werden, wofür ich sehr dankbar und zufrieden bin. Durch sehr viel organistorische Verantwortungsbereiche gestalten sich unsere Dienste mitunter auch mal als ziemlich stressig, aber die vielen positiven Rückmeldungen und das sehr konstruktive herangehen an Fehler und Probleme stärken einem ungemein den Rücken und lassen mich dann doch immer mit einem guten Gefühl am Abend einschlafen.....
 
:rocken: Hallo, ich denke, dass sich Belastung erstmal nur über den Einzelnen definieren lässt. Belastung ist ein subjektives Empfinden dass von der physischen und psychischen Verfassung beeinflusst wird. Meine Belastbarkeit wurde neulich von meinem AG hinterfragt. Allerdings verstand er unter Belastbarkeit die Bereitschaft des Arbeitnehmers, sich dem AG uneingeschränkt als Dispositionsmasse zur Verfügung zu stellen...Hatte ich schon erwähnt, dass ich mich gerade beruflich umorientiere?:aetsch:
 
Und ich schließe mich Felis Meinung an: Derjenige, der sich nicht ausschließich über die Anerkennung der anderen definiert, ist belastbarer, weil er sich selbst wertzuschätzen weiß und damit unabhängiger ist. Allerdings haben die meisten von uns ein so ausgeprägtes Helfersyndrom, dass sie irgendwann ausbrennen, weil all ihre Bemühungen nicht zu der Anerkennung und Wertschätzung führt, die sie doch so dringend brauchen. Tragisch, tragisch...
 
Moin,

Thema ist ja

"Braucht der Mensch Anerkennung?".

Dabei wird in der Hauptsache über "Belastbarkeit" und die Anforderungen des Arbeitgebers philosophiert.

Natürlich braucht der Mensch Anerkennung, ein Lob, ein zustimmenden Blick, ein Lächeln im passenden Moment oder auch mal einen Händedruck.

Wann habt ihr euren Kollegen zum letzten mal gelobt ???

Tach auch


Klaus
 
Hallöle!

Ich denke auch, dass Belastbarkeit sehr subjektiv ist und von vielen verschiedenen Faktoren abhängt. Wenn es mir privat nicht gut geht, bin ich auch beruflich leichter zu stressen. Bin ich beruflich unzufrieden, fühle ich mich vielleicht auch von kleineren Aufgaben schneller belastet.
Belastung beinhaltet "Last" - auf vielen Rücken ist sie leichter zu tragen! Ein gutes Team besteht dementsprechend nicht aus vielen Einzelkämpfern, sondern aus Teamplayern. Ich kann um Hilfe bitten, ohne dass es mir als Schwäche oder Inkompetenz ausgelegt wird. Ich kann mich auch mal aus einer Situation herausnehmen, wenn sie mich überfordert. Genauso kann ich Hilfe anbieten, ohne dass es als Arroganz angesehen wird. Oder jemanden verbessern, ohne als Klug******erin zu gelten.
Zusammen gehts eben immer einfacher...

Lieben Gruß
 
Natürlich braucht der Mensch Anerkennung, ein Lob, ein zustimmenden Blick, ein Lächeln im passenden Moment oder auch mal einen Händedruck.

Wann habt ihr euren Kollegen zum letzten mal gelobt ???

Tach auch


Klaus

Tach auch Klaus, Du hast ja Recht: Unsere Seelenstreichler verweigern wir uns gegenseitig viel zu häufig :troesten:. Und auch ich formuliere negative Kritik meist viel eher - und öfter - als positive :motzen:; gar nicht gut, das...ABER ich bin ja lernfähig...:roll:
 
Uneingeschränkt - ja! Der Mensch braucht Anerkennung. Dabei unterscheiden sich die Typen natürlich voneinander. Der eine benötigt weniger, der andere mehr davon.

Das Arbeitsumfeld (Altenpflege - gerontopsychiatrischer Schwerpunkt) in dem ich arbeite entspricht leider eher dem unter B zitierten. Anerkennung gleich null. Jeder Fehler wird von oben nach unten und wieder umgekehrt breitgetreten. :streit:Team kann man dazu nicht sagen. Ich habe seit dem Tag meines Eintritts in diesen Betrieb keine einzige positive Rückmeldung für die Arbeit irgendeines meiner Kollegen - geschweige denn meinem Einsatz erlebt. Kritisiert wird immer gerne und heftig. :kloppen:

Ergebnis: Einzelkämpfertum ist fast normal, keiner kann und will sich auf den anderen verlassen, Cliquenbildung - "Kampf" zwischen Früh/Spät/Nachtdienst. Krankenstand wird immer höher. Betriebsklima (u. a. ) schreckt evtl. Bewerber ab. Personal kann nicht mehr aufgestockt werden. Druck auf bestehendes Personal wird ständig erhöht. Ein Teufelskreis. :gruebel:

Ich möchte nicht ständig für das was ich tue gebauchpinselt werden. Schleimerei von beiden Seiten ist mir zuwider. Aber hin und wieder bei passender Gelegenheit ein zustimmendes Lächeln, ein Schulterklopfen oder einfach nur ein aufmunterndes Wort sind wichtig für ein gut funktionierendes Miteinander. :)
 

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